Montag, 16. Dezember 2013

unbeschra(e)nkte Gedanken

... als ob ich da eine Minute zu verschenken hätte!

Vor ein paar Tagen wurde ich allerdings kurzzeitig ausgebremst und bin dabei auf einige vollkommen unweihnachtliche Gedanken gekommen.

Auf dem Weg zum Einkaufen musste ich vor einem unbeschrankten Bahnübergang abbremsen, an dessen rot blinkendem Warnsignal bereits mehrere Autos vor mir hielten. Auf dem Radweg stieg soeben eine Mutter ab mit kleinem Kind im Fahrradsitz, und auch ein Jogger war im Begriff, seinen Lauf vor der Ampel zu unterbrechen, um artig auf den querenden Zug zu warten.
Selbstverständlich spiegelte sich diese Szenerie jenseits der Schienen im Gegenverkehr.

Wir warteten, die Ampel blinkte eifrig, doch ein Zug kam nicht. Die Fußgänger in vorderster Reihe streckten die Hälse vor und drehten ihre Köpfe hin und her, aber offensichtlich gab es nichts zu sehen als die leeren Gleise. Die Ampel blinkte voller Überzeugung weiter und wir warteten ergeben.

Wie gesagt, keine Schranken, nur das Licht. Wir warteten. Nach geschätzten fünf Minuten stieg ein Paketfahrer aus und lief auf den Bahnübergang zu. Vielleicht wollte er dem Blinken durch rohe Gewalt ein Ende bereiten, eventuell suchte er auch nach einem Schild mit einer für diesen Fall eingerichteten Notfalltelefonnummer. Jedenfalls setzte sich in diesem Moment die Schlange der wartenden Autos wieder in Bewegung. Vorsichtiges Herantasten, übereifriges nach-links-und-rechts-schauen, dann schnell rüber über die Schienen.

Ich habe mich in diesen Minuten gefragt, wie lange so ein technischer Defekt einen Menschen wohl zum Warten zu bringen vermag. Ob man als erster in der Reihe wohl eher dem Druck untersteht, den Verkehr nicht unnötig aufzuhalten, oder sich einer Art Vorbildfunktion bewusst ist, die man nicht sprengen möchte? Und ob man bei einseitig angebrachten, also umfahrbaren Schranken wohl mit dem Losfahren länger wartet als wenn gar keine Hindernisse angebracht sind? Würde ein weiter hinten in der Reihe stehender unruhig-Hupender genauso reagieren, wenn er selbst ganz vorne stünde? Rechtfertigt man sein Handeln zum Teil auch damit, dass die anderen genauso reagieren? Oder wäre man vielleicht sogar noch eher weitergefahren, wenn einen überhaupt niemand beobachtet hätte?

So, nun wisst ihr, worüber sich der Vogel in einer ruhigen Minute Gedanken macht...

Kommentare:

  1. Womit sich wieder einmal bestätigt hat, dass der Mensch ein Herdentier ist. Rennt erst Einer los, laufen alle hinterher...

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    1. da gab es mal so einen schönen Test, wo Lockvögel immer völlig selbstverständlich irgendwelchen Schwachsinn gemacht haben, und alle die es sahen, haben es nachgemacht (wurde im Fernsehen gezeigt) :o))

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  2. Wenn ich das machen würde, wäre bei mir zu Hause die Hölle los. Meine Angetraute war in früheren Zeiten Lokführerin und hatte als solche schon ihre bleibenden Erlebnisse. Für manche waren die Erlebnisse eine eher endgültige Erfahrung...

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    1. das muss furchtbar sein so etwas mitzuerleben... es gibt sicher andere "Methoden", ohne Fremde mit hineinzuziehen. Nachdem Herr Enke gestorben war, hat auch niemand gefragt, wie es wohl dem armen Lokführer geht.

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    2. Ja, sie leidet phasenweise heute, nach vielen Jahren, noch darunter. Die Bilder und Geräusche vergisst man nicht.

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