Freitag, 31. Januar 2014

Turnbeutelvergesser

Wenn mal wieder eine Meldung die Runde macht, dass ein Prominenter sich, wie man so sagt, geoutet hat, kann ich eigentlich nur mit den Schultern zucken. Genauso gerne (oder ungerne) könnte er mir unterbreiten, dass er Vegetarier ist. Oder Linkshänder. Wer will das wissen?!
Nun, offenbar genügend Leute, und die loben den Betreffenden dann immer überschwänglich, weil er so mutig war, uns allen davon zu erzählen.
Wie armselig, dass wir immer noch keinen Schritt weiter sind als vor -zig Jahren. Was nützen all die wohlwollenden, pseudo-aufgeschlossenen Gesetze, wenn in unseren Köpfen die Diffamierung weiterlebt!?
Mein Cousin war schwul. Leider ist er bereits mit 33 Jahren gestorben, und bis zu seiner Beerdigung durfte niemand davon wissen. Dabei war er Promifriseur in München. Hallo?!? Wie blind kann man sein?!? Egal, meine Tante hatte ihm verboten, irgend jemandem davon zu erzählen, und so bezeichnete er seinen Lebensgefährten in seinen Erzählungen immer als seine Freundin. Meine Mutter war schwer getroffen, als sie nach seinem Tod den Mann kennenlernte, der eine so wichtige Rolle im Leben ihres Neffen gespielt hatte - zumal mein Cousin seine halbe Kindheit bei meinen Eltern verbracht hatte.
Vor kurzem wurde mein Sohn von drei Mitschülerinnen auserwählt, sie zum Shopping zu begleiten, womit er den Neid seiner Freunde auf sich zog. Das hinderte ihn aber nicht daran, den Nachmittag als Hahn im Korb in vollen Zügen zu genießen. Meine Mutter verlieh ihrer Verwunderung darüber, dass ausgerechnet ihr Enkel mit durfte, am Telefon Ausdruck. Schließlich konnte sie dieser ganzen unerklärlichen Geschichte aber doch zumindest noch etwas Positives abgewinnen. Ihr Résumé lautete: "Na, dann ist er wenigstens nicht schwul!"
Moment mal, hatte sie das jetzt gerade tatsächlich gesagt? War das wirklich dieselbe Frau, die mich einmal Toleranz und Großzügigkeit gelehrt hatte? Die Frau, die beinah den Kontakt zu meiner Tante abgebrochen hat, nachdem sie erfahren hatte, was diese ihrem Sohn auferlegt hatte? Die Frau, die Individualität stets als unantastbares Gut gepriesen hatte?
Kann ein Mensch sich wirklich so sehr verändern?
Wie sollen wir uns jemals von den antiquierten Ansichten lösen, wenn selbst aufgeschlossene Menschen im Alter eine Meinung annehmen, die mir Schauer über den Rücken jagt?
Am liebsten hätte ich meinen Sohn sofort lauthals verteidigt, denn für mich steht außer Frage, dass er seine Lebensformen selbst finden, wählen und leben darf. Aber ich war viel zu verwundert, als dass ich darauf hätte reagieren können. Der Angriff kam von unerwarteter Seite...

Kommentare:

  1. Für mich bleibt die Frage, ob es nicht nur eine unbedachte Äußerung war. Einfach mit dem sinngemäßen Hintergedanken, daß du so eine erhöhte Chance hast, mal Oma zu werden. Natürlich kann ich das nicht beurteilen.

    Bei meiner Mutter ist die Linie seit Jahrzehnten klar: Homosexualität ist etwas, was man bestimmt irgendwann mal heilen kann.

    Leben und leben lassen muß wohl unwahrscheinlich schwierig sein.

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    1. sei froh - du kennst meine Mutter nicht... ;-)

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  2. Ich als "Ossi" habe nach dem Fall der Mauer leider oft mit bekommen, das die Mauern in den Köpfen der Leute leider nur schwer oder gar nicht fallen. Auch nach nun mittlerweile fast 25 Jahren scheint das zumindestrens im direkten Umfeld kein Thema mehr zu sein.

    Das Thema mit der Homosexualität, insbesondere bei Fußballern, werde ich NIE verstehen. Hat das schwul sein IRGENDEIN Einfluß auf das Spielen? Fußball spielen und die jeweilige private Neigung sind doch zwei grundverschiedene Sachen, oder? Hallo?!?
    Das Problem haben doch nur die, die mit so einer "Info" nicht umgehen können.

    Übrigens, nur weil Dein Sohn den Nachmittag als Hahn im Korb genossen hat, heißt es ja nicht, das er nicht schwul ist. Man könnte´s doch auch so sehen(nur mal angenommen!): Er könnte doch auch gerade weil er schwul ist den Nachmittag genossen haben. Viele Schwule sind doch auch "gute Mädchen". :o)) Nicht falsch verstehen, ich meine nur, wer schlechtes, böses oder fieses denken will, der findet auch was.

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    1. genau dasselbe haben mein Mann und ich auch gesagt: gerade dass er "Shoppen" geht und bei den Mädels als Kumpel anerkannt wird, könnte genauso gut "verdächtig" in die entgegengesetzte Richtung sein. Du hast recht, wer etwas sucht an dem er sich hochziehen kann, der findet es auch - und meine Mutter ist darin Weltmeister!

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  3. Ich hatte den gleichen Gedanken wie Paterfelis, ob die Bemerkung nicht einfach nur so gedankenlos hingeworfen war, ohne recht viel Hintergedanken. Einfach mal ein Spässle gemacht, oder so. Oder Deine Mutter träumt jetzt schon recht heftig davon, bald einmal Ur-Oma zu werden. So oder anders wird es wohl gewesen sein. Lieben Gruß ins Nest!

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    1. könnte schon sein. Wenn da nicht noch der Nachsatz gewesen wäre, dass die Homosexualität ja gerade wieder so diskutiert würde, und die Schwulen es so schwer hätten... Da soll ihr Enkel es natürlich mal "besser" haben. Tja...

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  4. Ich glaub auch, dass deine Mutter das ohne zu überlegen gesagt hat.

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  5. Es sind ja meistens diese unüberlegt gesagten Sätze, die die wirkliche Meinung wieder spiegeln... Eben weil sie ohne Nachdenken aus dem Unterbewusstsein kommen! Ich verabscheue diese Doppelmoral! Wer weiß wie oft habe ich von meinen Gästen gehört, daß der Beruf der Prostituierten doch im Grunde sehr ehrenhaft und überhaupt nicht anstössig wäre... Wenn ich ihnen dann vorschlug, mir beizeiten ihre Töchter in die Lehre zu schicken war das Geschrei aber groß... Das Kind soll ja schließlich was Anständiges lernen ;-) So sind die Menschen... Sie geben sich gerne den Anschein, als wären sie ach so liberal, aber im Grunde ihrer Seele sieht es meistens ganz anders aus.
    Liebe Grüße von Felina, die diese Doppelmoral für sich zu nutzen gelernt hat.

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    1. ich denke, dass sich oft auch im Alter die Meinungen und Ansichten der Leute noch einmal ändern, oder dass sie dann "endlich" in der Lage sind, ohne Hemmungen alles abzusondern, bei dem sie sich bisher in vornehmer Zurückhaltung geübt haben.
      Zu deiner Story mit den Töchtern deiner Kunden fällt mir ein Lied von Ina Müller ein... sinngemäß
      http://www.youtube.com/watch?v=y8I8Nc_9NLQ

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  6. Wenn wir auch immer lauthals unsere Toleranz bekunden, glaube ich dass man in einer Situation, in der der Sohn/Tochter Enkel usw.einem mit Homosexualität konfrontiert, bestimmt nicht so offen und himmelhochjauchzend damit umgeht. Ich denke schon, dass es Zeit und Gespräche braucht, auch wenn heute jedes Outing mit Applaus quittiert wird. Wir leben unter dem Motto: "Es betrifft uns nicht", daher sind wir sooooooooooo unglaublich aufgeschlossen und verständnisvoll.
    Ich für meinen Teil wäre im ersten Moment perplex, aber selbstverständlich wäre die Sexualität, die mein Kind lebt kein Grund es weniger zu lieben.
    LG Sadie


    LG

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    1. es stimmt schon, dass man manche Dinge vermutlich anders sieht von dem Moment an, wo sie einen unmittelbar (be)treffen. Dennoch denke ich, dass man sich durchaus eine Meinung bilden kann. Ich neige nicht zu Extremen, bei mir gibt es zu einem Thema selten nur schwarz oder weiß, und irgendwie versuche ich innerlich auch immer, ganz vorsichtig die andere Seite zu beleuchten. Und trotzdem bin ich davon überzeugt, dass sich meine Meinung zu homosexuellen Menschen und insbesondere meine Liebe zu meinen Kindern durch solche Fakten nicht ändern würde.

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