Freitag, 3. Oktober 2014

Einheitsbrei

In Anlehnung an den heutigen Tag möchte ich sagen: Wir sind sozusagen die Ossis in dieser Siedlung.
Als wir hier herzogen, stand schon nach wenigen Tagen ein Nachbar vor der Tür, der fast komplett hinter einem riesigen Blumenkorb verschwand. Kaum hatte ich ihm geöffnet, marschierte er auch schon zielstrebig an mir vorbei in unsere Küche. Zu diesem Zeitpunkt kannte er sich in unserem Haus sicher noch besser aus als ich - und hatte sich zusammengerechnet wahrscheinlich auch länger dort aufgehalten, als wir es in den paar Tagen hätten schaffen können.
Mit den Worten "Ein kleines Willkommensgeschenk von den Nachbarn" stellte er sein Präsent mitten auf unseren Küchentisch. Die rund um uns herum wohnenden Familien und Ehepaare hatten zusammengelegt und den Herrn von gegenüber dann vorgeschickt. Wir bedankten uns natürlich brav und luden die vier Nachbarn zu Kaffee und Kuchen ein.
Die Familie nebenan mit den beiden Kindern, das ältere Paar am Ende der Straße, die Witwe von schräg gegenüber und den bereits bekannten Herrn mit Ehefrau und erwachsener Tochter.
Letztere brachte unserem Sohn ein Sparschwein mit, das dieser freudestrahlend entgegennahm. Einer der Gäste fühlte sich nun am Kaffeetisch berufen, seine Geldbörse zu zücken und das Tierchen zu füttern. Diese gruppenzwangauslösende Geste führte dazu, dass sich jeder mehr oder weniger hektisch an die Hosentasche griff, um den einen oder anderen Euro springen zu lassen. Mein Sohn verfolgte die Szene mit interessiertem Blick und begann, langsam und gemächlich einen Kreis um die versammelte Nachbarschaft abzuschreiten, wobei er jedem sein Porzellantier erwartungsvoll unter die Nase hielt.

Boden, tu dich auf!

Was soll ich sagen? Von nun an galten wir in der Nachbarschaft als bedürftig. Die Eltern der Kinder nebenan brachten uns alle abgelegten Kleidungsstücke ihrer Brut, und die Frau von gegenüber hatte immer ein paar Stücke Kuchen für uns übrig. Nur die ältere Dame, die vor einigen Jahren starb, hatte vergessen, uns in ihrem Testament zu bedenken. Aber es geht schon, wir kommen über die Runden...

Mittwoch, 1. Oktober 2014

erlesen

„Suchen Sie ein schönes Buch?“ vernahm ich eine freundliche Stimme irgendwo über mir. Ich war gerade buchstäblich in die Neuerscheinungen unserer Bücherei versunken, als mich eine Frau mit diesem Satz aus meiner Trance riss. Kurz war ich versucht zu antworten „Nein, eigentlich wollte ich mich einer Zahnreinigung unterziehen“, aber sie sah mich mit strahlenden Augen an und konnte ihren Mitteilungsdrang nur schwer bremsen, also nickte ich bestätigend. Und schon sprudelte es aus ihr heraus: Dieses dort (sie zeigte auf ein Exemplar über mir), das ist SOOO. SCHÖÖÖN. !! (und während sie sprach, bekam sie schon ganz wässrige Augen). Da ich noch immer auf dem Boden kniete, guckte ich etwas angestrengt zu ihr hoch und nutzte ihre Atempause, um sie davon zu unterrichten, dass ich dieses Buch ebenfalls bereits gelesen und mindestens genauso gigantische Sturzbäche an Tränen vergossen hatte.
„Ein ganzes halbes Jahr“ - ich habe sogar schon Mails von Männern bekommen, die zugaben, dabei wie die Schlosshunde geheult zu haben.
Manche Bücher bleiben einfach in Erinnerung, andere schaffen es nicht mal, mich davor zu bewahren, sie ein weiteres Mal zu lesen, ohne es zu merken – so nichtssagend sind sie.
Derzeit lese ich gerade das dritte Buch dieser Autorin („Weit weg und ganz nah“), wobei ich noch nicht so genau weiß, wie ich es finde. Auf Seite 172 von gut 500 ist das nicht das beste Zeichen, aber ich gebe noch nicht auf. Die Autorin hat ihre eigene Messlatte natürlich auch recht hoch gehängt, diesen Standard muss sie nun erst mal halten können. Schon oft hab ich voller Vorfreude ein Buch begonnen, nur weil der Autor zuvor einmal meinen Geschmack getroffen hatte. Aber es ist ähnlich wie mit der Musik, entweder ist es ein one-hit-wonder, oder es ist modern talking, bzw. Rosamunde Pilcher, die 'Dieter Bohlen' unter den Autorinnen.
Buchempfehlungen sind ja auch immer so eine Sache. Bei einigen Freundinnen weiß ich ganz genau, dass sie mir nur Bücher ans Herz legen, die ich ganz bestimmt auch toll finden werde – weil wir einfach denselben Lesegeschmack haben. Bei anderen wiederum sagt mir die Empfehlung, was ich getrost im Regal lassen kann. Ist ja auch 'ne Form von Hilfe.
Ich würde euch „Die Achse meiner Welt“ von Dani Atkins empfehlen, oder „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ von Rachel Joyce (und dort auf keinen Fall das zweite Buch vom Jahr, das zwei Sekunden brauchte), von Daniel Glattauer hat mir „Geschenkt“ wieder gut gefallen (Achtung, bloß nicht die Wunderübung lesen... total doof!).
Der Buchmarkt ist derart gigantisch, und manchmal fischt man eben 'ne Niete raus, aber irgendwann haben ja auch Schwiegermütter Geburtstag. Meine zum Beispiel, die liest sowieso nicht, da ist es eigentlich egal, welches Buch ich ihr schenke....