Mittwoch, 22. April 2015

unerhört

Ich will eigentlich gar nicht permanent meine Vorurteile pflegen, aber mein unmittelbares Umfeld zwingt mich quasi dazu. Es gibt ja dieses schöne Bild vom Comedian, der auf der Bühne steht, einen vermeintlichen Witz nach dem anderen erzählt, und das Publikum will und will einfach nicht lachen. Eine Frau wird sich nach ihrem Auftritt in ihr Kämmerlein verkriechen, mit ihrem Talent hadern und ihre Selbstzweifel ungehemmt an sich nagen lassen. Ein Mann in derselben Situation schüttelt seinen Misserfolg mit einem einzigen Satz ab: "Ach du meine Güte, heute war das Publikum aber auch echt mies drauf!"

Männern fehlt einfach die Veranlagung, an sich selbst zu zweifeln, sie wissen dass sie alles können und deswegen werden sie auch stets bewundert und gelobt. Aus ihrer Sicht, wohlgemerkt.
Um einen Ausgleich dazu zu schaffen, suhlt die weibliche Bevölkerung sich in Selbstvorwürfen und hält sich ihre Mängelliste stets vor Augen. Hurra.

Heute habe ich festgestellt, wie negativ meine Sicht auf bestimmte Situationen bereits ist. Ich hatte einige Dinge mit meinem Chef zu besprechen, und durch sein beharrliches wiederholtes Nachfragen brachte er mich einmal tatsächlich aus dem Konzept, obwohl ich mir meiner Sache eigentlich sehr sehr sicher gewesen war. Eine Überprüfung ergab dann auch, dass ich richtig gelegen hatte.
Später sprach ich mit einem Kollegen, der sie Szene mitverfolgt hatte, über die Situation. Ich erwähnte dass ich mich darüber geärgert hatte, dass unser Chef wieder nur Negatives an meiner Arbeit gefunden hatte. Darauf antwortete er: "Aber einige Male hat er doch auch sehr gut, prima mitgedacht und danke gesagt!"

Ich überlegte, und natürlich fielen mir die entsprechenden Äußerungen ebenfalls wieder ein. Aber ohne meinen Kollegen hätte ich diese lobenden Sätze einfach überhört.
Wie negativ-selektiv ist denn bitte meine Wahrnehmung!?


Kommentare:

  1. Dann wird´s wohl Zeit für eine kleine Gehirnwäsche! ;-) Mir geht es da ganz genauso wie Dir. Gibt es da einen Kurs an der Volkshochschule, wo man das lernen kann, wie sich selbst hoch lobt oder müssen wir durch intensive Beobachtung des männlichen Geschlechts lernen? Bei mir im Büro gibt da einige interessante Studienobjekte...LG Gruß H.

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    1. oh ja, vielleicht sollte ich mir von Verhaltens- und Denkweisen meines Kollegen eine fette Scheibe abschneiden? Aber wer will schon so ätzend sein!?!

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  2. Hallo Tweety,
    diese Situation kommt mir bekannt vor, ich höre eher die kritischen Sätze, oder Worte anstatt die wie zum Beispiel: Gut gemacht, super usw. vielleicht wollen wir Frauen immer perfekt sein? Keine Ahnung, aber er hat dich doch gelobt :))
    ob du wohl zu schnell gedacht hast, das du das überhört hast? Man ist den Männern ja immer einen Schritt voraus ;-)
    Lg und einen schönen Abend.
    Sadie

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    1. Hihi, DIE Erklärung gefällt mir. Schneller gedacht als die lobenden Worte. Wir neigen ja leider dazu, uns die Schuhe der Kritik nach dem Anziehen ganz fest zuzuschnüren, und jedes ehrlich gemeinte Lob abwinkend auszulachen. Diese bescheidene Verlegenheit, um es mal nicht Dummheit zu nennen, geht den Männern ja vollkommen ab :-)

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