Samstag, 25. Februar 2017

Halbwertzeiten

Was für radioaktive Substanzen gilt, kann man sinngemäß auch ganz gut auf Beziehungen übertragen. Nur eben irgendwie umgekehrt, denn eine Beziehung fügt meistens anfangs weniger Schaden zu als im Laufe ihrer Entwicklung Richtung Ablaufdatum. Allerdings dauern Beziehungen auch nur selten mehrere tausend Jahre, insofern ist das ja irgendwie wieder ausgleichende Gerechtigkeit.

Ich jedenfalls bin im Laufe meiner Kontaktwut und meines Kommunikationsbedürfnisses zu dem Schluss gekommen, dass jede wie auch immer geartete Beziehung einer nicht berechenbaren Entwicklung unterliegt, die jedoch meistens eine Kurve nach unten bedeutet.
Wendet man das auf Kontakte im Internet an, würde ich behaupten, dass eine hohe Prozentzahl aller Kontaktaufnahmen - und nehmen wir ruhig mal nur die mit vielversprechendem Anfang - sich nach maximal zwei Wochen drastisch verschlechtert. Einem Strohfeuer ähnlich wird zunächst alles gegeben, hochtrabende Worte über den Äther geschickt, Lobeshymnen angestimmt, superlative Beteuerungen ausgestoßen - um dann urplötzlich und aus nicht erkennbarem Grund ins genaue Gegenteil überzugehen. Das Interesse am anderen tendiert quasi gegen null, man ist auf einmal unglaublich beschäftigt, beruflich eingespannt, privat observiert, familiär gefordert, im Freundeskreis gefragt... sucht euch was aus. Das berühmte Wege-versus-Gründe-Problem drängt deutlich sichtbar an die Oberfläche. Und genau da verharren nun auch die eventuell noch folgenden Unterhaltungen.

Genauso wenig wie ich mich gerne verarschen lasse von Fakeprofilen, -fotos, -namen und -geschichten, so mag ich es, den kommunikativen Vorturner zu geben, damit eine Konversation funktioniert und interessant bleibt. Klar kann man auch mal loses Geplänkel hin und her appen, aber den ganzen Tag damit zu verbringen, dazu bin ich dann doch emotional zu wenig eingebunden und empfinde das als lahmen Zeitvertreib, zu dem mir selbige dann auch irgendwann zu schade ist.

Manchmal haben wir Glück, und das Gegenüber ist ein aufmerksames, sensibles und nicht vollkommen auf sich fixiertes oder gleichgültiges Exemplar. Dann fällt ihm eventuell auf, dass wir uns zurückziehen und uns wieder selber mehr Raum gestatten. Meistens kann man aber davon ausgehen, dass schon genug potenzielle Nachfolgerinnen in den Startlöchern stehen, die ganz wild darauf sind, unsere Rolle zu übernehmen. Also reichen wir den erst kürzlich von einem anonymen Wesen übernommenen Staffelstab weiter und wünschen der "Neuen" noch schnell viel Glück und besseres Gelingen - bevor ihr Rücken in Richtung Horizont aus unserem Blickfeld verschwindet.

Wenn wir uns umdrehen, sehen wir bereits einige Läuferinnen, die am Ende ihres Engagements schon wieder einen neuen Staffelstab für uns hätten, aber so schnell greife ich dann doch nicht erneut zu. Diese unergiebigen Runden die man mit nicht existenten Menschen dreht, hinterlassen doch irgendwie immer einen etwas desillusionierenden und frustrierenden Nachgeschmack.

Jahaaa, mein Kopf ist mal wieder beschäftigt, mit Dingen über die nachzudenken weder lohnenswert noch irgendwie kognitiv förderlich ist. Trotzdem ist es im Nachhinein stets etwas verwirrend, dass Menschen einander Dinge sagen, die in Wahrheit komplett bedeutungslos sind. Welchen Zweck das verfolgt - dazu bin ich einfach nicht egozentrisch genug.


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