Freitag, 14. Juli 2017

voll im Trend

Zur Zeit bleibt man 15 Jahre verheiratet. Also das durchschnittliche Ehepaar. Oder besser gesagt, die Leute die sich derzeit scheiden lassen, haben eine entsprechend lange gemeinsame Zeit hinter sich. So wie wir in diesem Jahr. Nicht dass ich mich davon zu einer Entscheidung gedrängt fühlen würde, aber es beruhigt schon irgendwie. Nicht wir sind es, die an unseren eigenen Anforderungen, Vorstellungen und Lebensformen gescheitert sind, eher sollten wir uns vielleicht fragen, warum wir mit dem Anspruch leben, dass ausgerechnet wir es besser hinbekommen als so viele andere Paare. Die sind ja auch nicht alle asoziale Primaten, kommunikativ Verkrüppelte, notorische Fremdgeher, vergangenheitsgeschädigte Invaliden oder streitsüchtige Choleriker.
Fünfzehn Jahre lang der eine Teil einer Paarbeziehung zu sein, attestiert einem ja auch nicht gerade eine Beziehungsunfähigkeit, mangelnden Bindungswillen, fehlende Kompromissbereitschaft oder das Geboren-um-als-Single-zu-leben-Gen.
Wir sind nicht gescheitert, aber wir stecken in einer Sackgasse, und vielleicht sind wir einfach schon zu weit gegangen, obwohl wir wussten, was uns dort erwartet. Der Weg wird immer schmaler, was ein Umkehren immer schwieriger werden lässt. Und irgendwann verliert man auch einfach den Glauben daran, dass es noch einmal wieder gut wird, den Willen wieder und wieder etwas dafür zu tun, das Gefühl, noch an diesem Menschen und dieser Verbindung zu hängen. Irgendwann löst sich ein innerer Teil von dir einfach davon ab und schwimmt weg, so als würde er nicht mehr dazugehören. Und während er sich im Alleingang allmählich verändert, passt er bald nicht mehr an das Stück, von dem er abgebrochen ist.
Ich habe so lange gehofft, dass es noch einen gemeinsamen Weg für uns gibt. Ich habe mich immer wieder durchgerungen dafür zu kämpfen, habe mir die trostlos wirkenden Momente einfach bunt ausgemalt, mich selbst geblendet, mir etwas vorgemacht, die Augen verschlossen vor den Dingen die nicht ins Bild passten, ignoriert, geduldet, mich abgelenkt, verdrängt oder mir schöngeredet.
Gespräche die sich im Kreis drehten aber nirgendwo hin führten, Verhaltensmuster die wir nicht durchbrechen konnten oder wollten, wir fanden keinen Weg zueinander, schoben es weg von uns, redeten uns ein dass die Entscheidungen richtig waren, das beste für die Kinder, unumgänglich, notwendig, vernünftig...
Lange Zeit hat in meinen Gedanken eine Rolle gespielt, dass ich mir ein anderes Leben nicht vorstellen konnte, mir vielleicht unbewusst absichtlich alles grau malte, Angst vor der Veränderung mich innerlich lähmte und ich mir verbot, weiter zu denken als bis zum nächsten Problem. Ich habe mich beschwert, mich geärgert, lamentiert, war wütend, enttäuscht, misstrauisch, unzufrieden - und trotzdem nicht in der Lage, mir ehrlich einzugestehen, dass das Vorratsglas mit den positiven Gefühlen so gut wie leer war, dass die Pflanze mit der Sicht auf die schönen Eigenschaften des Partners keine neuen Früchte mehr trug, dass fast alles aufgebraucht war, was noch den Sinn rechtfertigen könnte weiterzumachen.
Seit ein paar Tagen weiß ich, dass mein Mann mit dieser Situation offensichtlich ebenso unzufrieden wie überfordert ist - nur hätte er mich niemals darauf angesprochen. Er vertritt jedoch den Standpunkt, an dieser Ehe festhalten zu wollen, mir nach wie vor eine wesentliche emotionale Bedeutung in seinem Leben beizumessen, es gemeinsam noch einmal zu versuchen und selbst dafür zu kämpfen. Dass er gerade ein paar wesentliche Dinge in seinem alltäglichen Verhalten verändert, fällt mir natürlich auf. Nur kann ich mich darüber momentan gar nicht freuen. Ich ärgere mich auch nicht, weil er erst so spät auf diese Idee verfallen ist. Er tut mir nicht mal leid. Es ist mir einfach nur egal. Weder schmeichelt es mir noch wäre ich misstrauisch und würde mich fragen, wie lange er das jetzt wohl durchhält. Das einzige was ich mir denke ist, lass ihn das jetzt ruhig mal eine Weile machen, ich bin neugierig, was ihm so einfällt und wie es sich vielleicht doch noch auf uns auswirkt.
Irgendwann werde ich ihm sagen müssen, ob das noch Sinn macht, auch wenn die Antwort Nein lautet. Schlimmer als abgewiesen zu werden ist für mich eigentlich nur, andere Menschen zurückzuweisen. Ich habe das einfach nie gelernt, hoffe idiotischerweise dann darauf dass sie es selber merken und ich sie nicht verletzen muss.
Leider merke ich dass sich durch seine monatelangen Zurückweisungen, das beharrliche Ignorieren meiner Wünsche, Bedürfnisse und Bitten, die stoische Gleichgültigkeit und das permanente Schweigen bei mir nach und nach eine Entscheidung ausgebreitet hat.
Ich habe so lange mit alldem gehadert, mir immer wieder gesagt, dass ich falsch liege, dass ich die Zeichen missdeute, dass ich zufrieden sein sollte, unangemessene Ansprüche stelle, weltfremde Vorstellungen habe, meinen Fokus auf andere Dinge lenken sollte... dass es schon beinah zur Gewohnheit geworden ist, ein unterschwellig ungutes Gefühl mit sich herumzutragen. Und natürlich kann ich mich nicht einfach vor die nächste Glaskugel setzen und hineinschauen, um zu sehen, welche Konsequenzen meine jeweilige Entscheidung nach sich zöge, was besser wäre, richtiger, einfacher, schöner, ehrlicher...
Aber das Karussell hat sich für einen Moment aufgehört zu drehen, was es mir ermöglicht, die Dinge um mich herum wieder in klareren Umrissen erkennen zu können. Das hat mich jetzt erst einmal ein wenig beruhigt. Und der Rest? Wird sich finden wenn die Zeit dafür gekommen ist.
Ich habe nicht das Bedürfnis, etwas zu überstürzen, eine Entscheidung zu erzwingen, einen Weg zu forcieren. Ich glaube nicht dass ich etwas verpasse. Egal welchen Weg ich wähle.

Vorgestern war ich in Hamburg. Die schöne Stadt hat den ganzen Tag geweint. Vielleicht weil diese Primaten ihr so wehgetan haben... Aber Hamburg ist auch im Regen schön. Und absurderweise immer ein bisschen wie Ankommen...









...oder wieder wegfahren...






Auf bald, liebes Hamburg, du hast mir mal wieder sehr geholfen :o)