Sonntag, 24. September 2017

was daraus wurde

Wenn man mich als Kind gefragt hat, was ich einmal werden möchte, kamen Antworten wie Kindergärtner oder Raumfahrer - damals sogar noch vollkommen ungegendert, aber dafür hatte ich eine klare Vorstellung davon, wo ich als Erwachsener einmal stehen würde. Mir war klar, dass ich eine Familie gründen und eine zwischen zwei und sieben schwankende Anzahl an Kindern bekommen würde. Ich sah mich ziemlich unkonkret in einer Art Kopie des Lebens, das meine Eltern führten, und in dem sie ja so glücklich und zufrieden schienen. Einen kritischen Blick hatte ich mir damals noch nicht angeeignet, zum Hinterfragen von Gegebenheiten gab es aus meiner Sicht nie einen Anlass.

Als das Ende meiner Schulzeit nahte und mir beinah sämtliche Türen offen standen, wusste ich bereits überhaupt nicht mehr, was ich mit all den Chancen und Möglichkeiten anfangen oder welche ich mir herauspicken sollte. Ich konnte alles ein bisschen aber nichts besonders gut, hatte keinerlei Talente oder brannte für eine bestimmte Sache, ein spezielles Thema, einen Beruf oder ein Fachgebiet. Allerdings hatte ich von den allermeisten Dingen auch nur eine sehr begrenzte Vorstellung, und Fremdes, Neues, Unbekanntes schüchterte mich generell ein und machte mir Angst.
Weder sah ich mich irgendwo im Berufsleben noch war es mir möglich, mir auszumalen, dass ich mich wie all die anderen erwachsenen Menschen verhielt, zu denen ich nun zweifelsfrei auch gehörte, und in deren Welt sich meine bisherigen Mitschüler ebenso selbstverständlich wie mühelos zu integrieren schienen.

Aus der Not heraus wählte ich auf den letzten Drücker einen Studiengang, der mich immerhin in relativ hohem Maße interessierte, und verdrängte dabei die Vorstellung, irgendwann einmal meine Brötchen samt Aufschnitt damit verdienen zu müssen.

Heute lebe ich tatsächlich so ähnlich, wie es mir damals als Kind bereits vorschwebte. Zwar bin ich keine Erzieherin geworden, und die Menschheit hat auch davon Abstand genommen, mich ins All zu schießen, aber die familiäre Komponente ist - auf Umwegen - schließlich so entstanden, wie sie damals bereits in meinem Kopf herumspukte.

Seit 16 Jahren verfolge ich den Weg, den meine Kinder nehmen, mal staunend, mal skeptisch, meistens zuversichtlich und immer auf irgend etwas stolz - wie man das eben so macht als Mama.

Was mein eigenes Leben angeht, bin ich um einiges ratloser. Plötzlich weiß ich gar nicht mehr so genau, wo ich mich wohl fühle, wie mein Weg weitergehen soll, was ich jetzt erwarte, welche Pläne, Wünsche, Träume.... na ihr wisst schon. Der Klassiker vermutlich, der War-das-jetzt-schon-alles-Gedanke, das vergebliche Warten auf das Highlight bzw. die Angst, es bereits verpasst zu haben, während man Windeln gewechselt, Essen gekocht oder den Rasen gemäht hat.
Habe ich jetzt gut die Hälfte des Lebens hinter mir? Oder schon zwei Drittel? Bleibe ich gesund? Oder benötige ich demnächst eine Pflegekraft?


Zwischen standing ovations und Reklamation
Gähnender Leere und Faszination
Zwischen schreienden Bildern und Bild ohne Ton
Blindem Gehorsam und Revolution
Zwischen alles wird anders und Monotonie
Nichts überstürzen und jetzt oder nie
Dem was wir nehmen und geben - ist alles wie es sein soll 
und wir sind am Leben

Wenn zwei Menschen vollkommen unterschiedliche Lebensentwürfe in sich tragen, muss man wohl einfach einsehen, dass alle anderen Gemeinsamkeiten oder die Gefühle füreinander nicht ausreichen.


Zwischen endloser Freiheit und gar keine Wahl
Ganz oder gar nicht und alles egal
Zwischen eigener Fahrer und schwarz mit der Bahn
Chance verwandelt und Chance vertan
Zwischen falsch abgebogen und fest in der Spur
Dem Blick in die Zukunft und dem auf die Uhr
Dem Sturz in die Tiefe und Schweben
Ist alles wie es sein soll und wir sind am Leben


Ich möchte eigentlich keine Höhenflüge mehr, schätze die ruhige Beständigkeit, mag die Sicherheit und genieße das Zurücklehnen mit dem guten Gefühl, mich nicht permanent anstrengen, verbiegen oder Höchstleistungen vollbringen zu müssen.


Wir müssen glauben, dass die Richtung stimmt und dieser Weg ein gutes Ende nimmt 
dass uns vielleicht nicht immer alles gleich, aber am Schluss der große Wurf gelingt. 
Wir müssen glauben, dass die Richtung stimmt und dass wir mehr als nur ein Zufall sind, 
dass dieser Weg in Richtung nirgendwo uns zurück an unsern Anfang bringt.


Aber dieser Glaube, diese Zuversicht, verlässt mich hin und wieder und macht dem Zweifel Platz. Habe ich mich richtig entschieden oder werde ich das irgendwann bereuen? Verpasse ich mein Leben oder ist es vernünftiger so weiterzumachen?
Warum zweifle ich? Wonach sehne ich mich so sehr? Wieso fühlt sich das alles oft so falsch an?


Zwischen quälender Sehnsucht und nie was vermisst
Dem was du sein willst
und dem was du bist
(Alexa Feser, Leben)



Kommentare:

  1. Das erinnert mich an eine Geschichte aus meiner Kindheit:
    Meister Eder fragt Pumuckl: "Pumuckl, welche Marmelade willst Du auf Dein Brot?" Darauf Pumuckl: "Welche haben wir denn nicht?" Meister Eder antwortet: "Erdbeere!" Pumuckl erwidert: "Dann möchte ich Erdbeere!"
    So oft in meinem Leben habe ich mich genau wie Pumuckl verhalten und immer genau das haben wollen, was es gerade für mich nicht gab.
    Wie schön wäre es, wenn es dann einen Meister Eder gäbe, der für Pumuckl (mich) losginge und Erdbeermarmelade einkaufen würde?

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  3. Schon dass du fühlst
    was du fühlst,
    denkst was du denkst
    sagst was du sagst
    nenn ich Veränderung;
    der Wandel geschieht
    immerfort.

    Kein Planen, kein Wollen
    bestimmt diesen Strom,
    der uns trägt und umfasst
    immerfort.

    Für den Blockvogel, danke dass Du Deine Gedanken mit uns teilst.

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